Wie weit kann der Bürger die Energiewende tragen?

Olympia war letztes Jahr. Aber ich habe eine Idee für eine neue Disziplin – gewissermaßen für die olympischen Spiele des Energiemarktes. Das „Tragen der Energiewende“ wäre für meinen Geschmack schon eine echte Herausforderung.

Wenn man zu diversen Podiumsdiskussionen eingeladen wird und dort in den politischen Reden immer davon gesprochen wird, dass der Bürger und die Unternehmen die Energiewende mit tragen müssen, dann habe ich zunächst immer so ein Bild eines Mitbürgers im Kopf, der rechts und links je einen schweren Eimer Kohlen über die Treppe in den zweiten Stock eines Hauses hoch trägt. Aber je länger ich den Reden lausche, umso klarer wird mir, dass nicht das Tragen von Dinge gemeint ist. Es geht einfach nur darum, dass die Energiewende bezahlt werden muss! Wenn man sich der Politiker so in der Gegend umsieht, gibt es da nur wenige, die bei Drei nicht auf den Bäumen sind. Dies sind die privaten Haushalte und die kleinen und mittleren Unternehmen im Lande.

Am schönsten finde ich die diesjährige Umlage „AbLaV“. Irgendwie höre ich beim Sprechen immer „Ablach“ und frage mich, wer da wohl alles drüber lachen kann. Die Antwort findet sich in der „Verordnung über Vereinbarungen zu abschaltbaren Lasten“ kurz eben AbLAV. Ich habe die Regel noch nie verstanden, wie aus komplizierten Titeln so markige Abkürzungen macht, aber das ist ein anderes Thema.


 

§ 4 Vergütung abschaltbarer Lasten

  1. Anbieter von Abschaltleistung aus abschaltbaren Lasten im Sinne von § 2 (Anbieter) erhalten, wenn sie sich in Vereinbarungen mit
    Betreibern von Übertragungsnetzen zu Leistungen verpflichtet haben, die den Anforderungen dieser Verordnung genügen, die in den Absätzen 2 und 3 genannten Vergütungen für die Bereitstellung der Abschaltleistung für den vereinbarten Zeitraum (Leistungspreis) sowie für jeden Abruf der Abschaltleistung (Arbeitspreis).
  2. Der monatliche Leistungspreis im Sinne von Absatz 1 beträgt 2 500 Euro pro Megawatt Abschaltleistung für die Bereitstellung der Abschaltleistung.
  3. Der Arbeitspreis im Sinne von Absatz 1 muss mindestens 100 und darf höchstens 400 Euro pro Megawattstunde betragen.
  4. Der Anspruch des Anbieters auf Zahlung eines Leistungspreises aus den Absätzen 1 und 2 wird bei einer Vereinbarung über Abschaltleistung aus abschaltbaren Lasten unabhängig davon fällig, inwieweit der Betreiber des Übertragungsnetzes die Abschaltleistung abruft.
  5. Die Abschaltleistung wird während des Abrufs mess- oder zählertechnisch erfasst; die elektrische Energie, die von den abschaltbaren Lasten durch den Abruf der Abschaltleistung nicht verbraucht wird, wird dem Betreiber von Übertragungsnetzen per Fahrplan geliefert.

Was lesen wir da? Es gibt Geld dafür, dass man etwas nicht abnimmt, was man aber abnehmen könnte. Marktwirtschaft ist doch geradezu die Asche von Gestern, eine Art Fossil, welches den Fortschritt nur bremst. Das ist doch die Lösung für die Wirtschaftskrise in vielen EU-Staaten! Also dafür dass ich etwas nicht mache, was ich machen könnte, aber nicht mache, weil jemand sagt, dass ich es nicht machen soll, gibt es Geld! Das ist sicher eine der größten Erfindungen der Neuzeit gleich nach dem Rad und der Schubkarre! Dafür muss es einen Wirtschaftsnobelpreis geben.

Haben wir nicht in Spanien eine Immobilienkrise? Dort könnte die Bauindustrie sicher in den kommenden Jahren noch sehr viel mehr Immobilien errichten. Dann müsste die EU jetzt einfach den weiteren Zubau untersagen und dann eine Entschädigung für die Nichterrichtung von Immobilien zahlen. Das wäre dann eine „Verordnung über die Vereinbarung zur Nichterrichtung von Immobilien“ oder kurz „ImmoVer“. Die Kosten dafür werden einfach auf alle im Mieter in Spanien oder der gesamten EU umgelegt. Die Erhebung erfolgt pro Quadratmeter gewerbliche oder privater Nettogeschossfläche bestehender Immobilien. Und wenn man sich da warm gelaufen hat, dann könnten wir auch gleich weiter machen und Umlagen für nicht erzeugt Oliven in Griechenland, nicht gebaute Autos und Frankreich oder nicht verkauftes Erdgas erschaffen.

Aber Spaß beiseite, Ernst kommt die Treppe rauf. Die „AbLaV“ ist ja real existierende Energiewirtschaft. Da man mit dem Nichtabnahme elektrischer Energie natürlich einen gewaltigen Mehrwert schafft, muss man auf die „AbLaV“ selbstverständlich für den privaten Energienutzer auch noch Mehrwertsteuer berechnen und an die Finanzminister abführen. Da ist es mit der Energiewende fast so wie mit dem Flugwesen, wie man als Uneingeweihter hier auf Youtube hören kann.

Also ich finde diese Geschäftsidee irgendwie faszinierend. Es ist ja bald EU-Wahl! Ob man sich damit noch bewerben kann?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.