Wer führt das Stromnetz?

‚Das Stromnetz benötigt rotierende Massen, damit die Frequenz von 50 Hertz stabil gehalten werden kann.‘ Was höre ich da? An Pfingsten hatte Deutschland eine Ökostromquote von mehr als 100 %. Damit war Deutschland vermutlich schon vor dem Anpfiff der Fußball-WM ‚Weltmeister der Energiewende‘ – zumindest über Pfingsten. Aber es stellt sich in der Tat eine spannende Frage, die zumindest ich so noch gar nicht gesehen habe: Wer gibt eigentlich die 50-Hertz-Schwingung vor? Na vermutlich hat das erste Kraftwerk, das ans Netz gegangen ist, den Takt einst vorgegeben und alle anderen haben sich darauf eingestellt. Es gibt auch bei den großen Netzbetreibern Wiederanlaufprozesse nach einem Blackout. Aber immer wieder werden alle Erzeuger nach und nach auf die 50-Hertz-Welle synchronisiert und aufgeschaltet.

Was aber, wenn mehr als 100 % des Bedarfes aus Kleinanlagen erzeugt wird, die zudem auch noch bevorzugt in die Stromnetze einspeisen? Ich stelle es mir so wie bei einem Marathonstart in New York vor. Tausende Läufer sind bereit, mit Energie aufgeladen … und keiner kennt den Weg. Wenn jetzt noch einer den Startschuss gibt, dann bricht Panik aus. Aber mal im Ernst: Wenn sich jede Solaranlage und jedes Windrad auf die Netzfrequenz einschwingt und keiner mehr weiß, wer jetzt den Takt angibt, dann gibt es irgendwann ein Problem. Das ist dann wie bei einem großen Orchester, wenn der Dirigent plötzlich einen dringenden Termin hat. Das Orchester wird die Sinfonie weiterspielen und den Gästen wird es zunächst gar nicht gleich auffallen. Aber schon die kleinste Disharmonie der Violine bringt die Oboe ins Zweifeln. Ein Blick nach vorn geht ins Leere. Was jetzt? Nach ca. 10 Minuten dürfte die Sache dann in einer Kakofonie enden. So etwa geht es wohl zu, wenn das letzte konventionelle Kraftwerk vom Netz geht. „Too big to disconnect!“ Wir benötigen also ganz klar eine zentrale Behörde, die den Takt vorgibt, an den sich dann alle Energieerzeuger synchronisieren können – von der Solaranlage meines Nachbarn bis zum letzten Großkraftwerk. Das muss natürlich auf europäischer Ebene erfolgen. Die Bundesnetzagentur ist dafür als nationale Institution nicht geeignet. Ich schlage Straßburg als Standort vor. Dort steht das EU-Gebäude ohnehin die meiste Zeit leer. Und Günther Oettinger könnte die Aufsicht über die europäische 50-Hertz-Welle übernehmen, wenn er den Posten des Energiekommissars demnächst abgeben muss. Finanzieren lässt sich die Sache am Besten über eine „50-Hertz-Umlage“, die zuerst in Deutschland eingeführt wird und dann in den kommenden 20 Jahren auch in allen anderen Mitgliedsstaaten.

Ein Gedanke zu „Wer führt das Stromnetz?“

  1. 2014-06-27, F. Hein, Esslingen

    Lieber Dirk,

    endlich wird dieses Thema thematisiert. Wir brauchen in der Tat ein gewisses Quantum an im Netz mitlaufenden Synchronmaschinen, bei denen ein physikalischer (kein „monetärer“ oder „rechtlicher“) Zusammenhang zwischen der Drehzahl und der in den drehenden Massen gespeicherten Energie steckt. Mit rein elektronischen Lösungen können wir die damit gegebene inhärente Pufferung von Energie und Sicherung der Messbarkeit der Frequenz nicht erreichen. Damit wird zusammen mit Führungsgrößen eines Netzverbundes (siehe den von Wendlingen aus organisierten Netzverbund) und der an jeder Steckdose messbaren Frequenz eine Sicht auf das Ganze. In jeder Energiezelle kann so auf das dynamische Gleichgewicht zwischen Einspeisung und Entnahme elektrischer Energie (also auf das Leistungsgleichgewicht) im Sinne der Erhöhung der Netzstabilität eingewirkt werden. Und das überall und in netzdienlicher, die Versorgungssicherheit fortwährend unterstützender Art und Weise. Wenn das alles in stochastischer Form, also ohne gravierende Erhöhung des Gleichzeitigkeitsfaktors erfolgt, dann haben wir – trotz „Chaos“ oder gerade deshalb – weiterhin ein dynamisch stabiles Netz.

    Gruß
    Franz

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