„Brauchen Sie Strom?“

„Brauchen Sie Strom?“

Eine Frage, so einfach und grundlegend wie nur wenige Fragen, die einem im Leben gestellt werden. Doch bei aller Einfachheit und  Klarheit dieser Frage ist sie doch immer wieder erschreckend fundamental.

„Braucht Ihr Strom?“ fragte mich der Hafenmeister nochmals, bevor ich gänzlich in philosophische Grundsatzüberlegungen abglitt. „Muss nicht sein, aber wenn Sie welchen haben, nehmen wir ihn“, antwortete ich. Irgend eine innere Stimme weigerte sich in mir eine fatale Abhängigkeit von Strom einzugestehen und baute deshalb ohne mein eigenes bewusstes Zutun dieses „Muss nicht sein“ ein.
Unwillkürlich rechnete ich hoch, wie oft diese Frage heute und hier schon gestellt wurde. Und wie oft diese Frage wohl auch in diesem Sommer in deutschen Marinas und auf deutschen Campingplätzen gestellt werden wird. Es müssen wohl tausende Male sein. Wie oft jedoch wird sie wohl mit „Danke, nein“ beantwortet? Eine Frage, der man, in diesem Falle also ich, unbedingt nachgehen musste.

Wenn man mit einem Boot in einer Marina liegt, dann ist es ein Leichtes, mal eben den Steg abzulaufen und zu zählen, wieviele Nachbarn neben den Festmacherleinen auch noch eine elektrische Landverbindung hergestellt haben. „Kann ich jetzt mein iPhone wiederaufladen?“, meinte mein Sohn und brachte meinen Forscherdrang jäh wieder in die Realität zurück. Ach ja, wir benötigen ja auch Strom. „Hol doch schonmal das Landstromkabel raus“, rief ich meinem Sohn zu. „Hier gibt es nur blaue Steckdosen!“

Mit dieser Aussage waren wir plötzlich wieder ganz unten auf dem Bodenblech des Lebens gelandet. ‚Es gibt nur blaue Steckdose‘, was sollte, ja was musste mir dieser Satz sagen? Mir wurde schlagartig bewusst, was wir trotz der noch so gründlichen Vorbereitung vegessen hatten: Den „Euroadapter“.

Für die Uneingeweihten: Ein „Euroadapter“ ist kein finanzpolitisches Instrument in der Eurokrise, sondern einfach ein Adapter für einen deutschen Schuko-Stecker auf einen CEE-Stecker – oder kurz Euro-Stecker.

Der anfängliche Weichspühler „Muss nicht sein“ wurde jetzt unbarmherzig zur Realität des ersten Urlaubstages. Sofort ist ein Krisenplan aufzustellen, es sind Handlungsalternativen zu betrachten und Lösungstrategien zu entwickeln.

Man wird sich der Dinge eben immer erst dann wirklich bewusst, wenn man sie nicht mehr hat, so auch in diesem Fall. Ein Nachbar konnte uns leider nur einen umgekehrten Adapter von Schuko auf Euro anbieten, aber das bringt ja in dieser Situation leider auch nichts.

„Ich habe noch 64 %“, war Teil der nüchternen Bestandsaufnahme meines Sohnes. „Ich habe noch 23 %“, konnte ich da nur hinzufügen. Also noch 23 % bis Offline. Eine Vorstellung, an die man sich so langsam gewöhnt, wenn klar ist, dass kein Geschäft mehr geöffnet und kein Nachbar mehr einen Adapter hat. Aber je kleiner die Prozentzahl, umso höher wird der eigene Energieeinsatz zur Wiedererlangung der ‚energetischen Grundversorgung‘.

Am folgenden Morgen um 8:57 Uhr war das Problem gelöst. Für 14,95 € war ein Euroadapter an Bord. Zu den 14,95 € kamen noch 1,5 Stunden persönlicher Einsatz und ca. 50 Kilometer Fahrstrecke zum nächstgelegenen Elektrogroßhändler hinzu. Also finanziell wie ökologisch ein absolutes Desaster, von einem CO2-Fußabdruck will ich da gar nicht erst reden.

Wenn ich mir überlege, welchen Aufwand man allein für vielleicht eine Kilowattstunde zu treiben bereit ist, einzig und allein damit man diese bekommt, dann mache ich mir über die Tragfähigkeit der Energiewende keine Sorgen mehr. Als Bürger werden wir die Energiewende wohl noch extrem weit tragen.

Es bleibt aber meine anfängliche Überlegung offen. Tatsächlich gibt es Leute, die ohne Strom auskommen. Mit denen kann man sogar reden, da es keine Neandertaler sind, sondern auf den zweiten Blick ganz normale Menschen, zu denen man sich auch selbst allzugern zählen möchte. Und wieder habe ich richtig etwas dazu gelernt: Man kann ohne Handy und Internet Urlaub machen: Wetterberichte gibt es beim Hafenmeister, ein Kühlschrank muss nicht wirklich sein, da sich z.B. rohe Eier auch ohne Kühlung 2 Wochen halten und Obst, im Netz gelagert, schimmelt nicht. Sogar Licht kann man mit Petroleum machen, so viel und so hell wie mit einer 400-Watt-Lampe*.

*) 400-Watt-Lampe bezieht sich hier auf die überholte Angabe der Lichtleistung einer Glühfadenlampe in Form der elektrischen Leistungsaufnahme, wie sie früher für Beleuchtungszwecke im Einsatz war. Allgemein üblich waren hier jedoch elektrische Leistungen zwischen 5 und 100 Watt.

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